Smart ohne Smartphone

Unser Gehirn ist darauf konditioniert, den ganzen Tag Informationen zu bekommen. WhatsApp, Instagram und diverse Benachrichtigungen unserer Smartphones, Tablets und sonstiger Geräte tragen sekündlich dazu bei. Gut ist das nicht.

Ich habe vor einigen Monaten festgestellt, dass ich mich nur sehr schwer auf eine Sache konzentrieren kann. Fokus ist quasi nicht vorhanden. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich mich im Arbeitsumfeld befinde oder im privaten Bereich.

Im Büro kann ich nicht mal für eine Stunde kontinuierlich an einem Projekt arbeiten, ohne alle paar Minuten Mails oder Facebookbenachrichtigungen checken zu müssen. Ein innerer Zwang, den ich kaum abschalten kann.

Das Smartphone-Monster hat Hunger

Wenn ich zuhause einen Film oder eine Serie schaue und der Moment der Fremdscham kommt oder ich mich gerade langweile, nehme ich mein Smartphone in die Hand, mache kurz Instagram auf, scrolle durch den Feed und swipe durch die Stories – man könnte ja etwas verpassen; beziehungsweise: Die Zeit, in der ich mich während des Films langweile, kann man ja „sinnvoll“ nutzen. Eigentlich nimmt man in den paar Sekunden aber nichts wahr. Es geht nur darum, kurz das innere Smartphone-Monster zu füttern.

Im Bett geht das dann weiter. Man schläft nicht gleich. Das Smartphone ist ja mit das Letzte, was man vor dem Schlafen sieht, und nimmt es daher folglich auch mit in den Schlaf. Die Augen sind dann zu, aber das Hirn tickt weiter im gewohnten Rhythmus: „Wo sind die Infos? Hallo, wieso sind die Augen zu? Ich brauche Bilder, Nachrichten, Input! HALLOOOO! Siri an Jens, mir ist laaaaangweilig!“ Wie dann mein Schlaf aussieht, kann man sich denken.

Was dagegen tun?

Unser Gehirn ist so an diese Informationsflut, diese ständige Erreichbarkeit gewohnt, dass es nicht damit klar kommt, wenn mal Ruhe herrscht oder besser gesagt: herrschen sollte. Das einzige, das man dagegen tun kann, ist es aktiv und bewusst sein zu lassen.

Ich habe nun seit einigen Wochen ein paar Regeln für mich aufgestellt, an die ich mich halte, um mein „Problem“ in den Griff zu bekommen. Wie bei den meisten Dingen, die man im Leben erreichen möchte, ist dafür eigentlich nur eines nötig: Disziplin.

Regel 1: Kein Smartphone im Bett

Eine Stunde vor dem Zubettgehen und auch im Schlafzimmer ist Smartphone-Verbot. Das Hirn fährt in der Zeit vor dem Schlafen schon mal runter und man konditioniert sich selbst auf die neue Gewohnheit: Schlafzimmer = Schlafen. Und sonst nichts. Nach einiger Zeit hat sich der Körper darauf eingelassen und auch das Hirn empfängt die entsprechenden Signale und man fällt in einen wesentlich angenehmeren, einfacheren und wesentlich tieferen Schlaf.

Regel 2: Kein Smartphone beim Filmabend

Es ist schwierig, aber versucht es mal: Startet den Film und legt euer Smartphone mit dem Display nach unten im Ruhemodus auf den Tisch oder noch besser, direkt in ein anderes Zimmer. Anfänger können mit dem anderen Zimmer starten, Fortgeschrittene können es in Sichtweite liegen lassen. Zum einen trainiert man sein Gehirn darauf, dass man das Smartphone auch mal zwei Stunden nicht ansehen kann und die Welt dreht sich dennoch weiter.

Zum anderen hat es einen wunderschönen Nebeneffekt: Man lernt andere Dinge wieder viel mehr wertzuschätzen. Man lässt sich anders auf einen Film ein, wenn man nicht 10x oder öfter währenddessen auf das Smartphone glotzt. Man lernt Dinge wieder zu genießen, was mich auch zu meiner letzten Regel bringt.

Regel 3: Kein Smartphone in Gesellschaft

Zum einen macht man mit dieser Regel einen großen Schritt in Richtung „suchtfrei mit dem Smartphone“, zum anderen ist es in meinen Augen eine Form von Respekt und Wertschätzung, wenn ich in Anwesenheit anderer nicht ständig auf das Display von meinem iPhone schaue.

Wenn ich zum Essen mit Freunden verabredet bin, genieße ich die Gesellschaft, widme den anderen meine Aufmerksamkeit und unterhalte mich mit ihnen. Was ist es denn auch für eine Botschaft an meine Freundin, an meine Kumpels, an wen auch immer, wenn ich während des Treffens ständig auf mein Smartphone schaue? Damit stelle ich was auch immer auf meinem Display passiert über meine Begleitung. Respektloser geht es eigentlich nicht, wenn man ehrlich zu sich selbst ist. Ich würde mich fragen, ob sich mein Gegenüber langweilt. Oder lieber woanders wäre. Wenn der Instagramfeed oder Mails oder was auch immer interessanter ist, als meine Anwesenheit, dann kann ich auch gehen. Und dieses Gefühl möchte ich meinem Gegenüber nicht geben. Also lasse ich es.

Wenn ich beim Arbeiten in einer Sitzung bin, höre ich den anderen zu und zeige ihnen meine Wertschätzung, indem ich ihnen meine volle Aufmerksamkeit schenke. Alle am Tisch könnten ihre Zeit sicher auch anders nutzen, genug zu tun haben alle. Die Leute, die zusammengekommen sind, haben sich im Idealfall auf die Sitzung auch in irgendeiner Art und Weise vorbereitet und Zeit investiert. Das Mindeste, das man in dieser Situation dann tun kann, ist den nötigen Respekt aufzubringen, diese investierte Zeit auch anzuerkennen. Gerade dieser Punkt hat mich einiges an eigener Überzeugungskraft gekostet. Lange habe ich mich noch selbst belogen, indem ich mir eingeredet habe, es könne ja eine wichtige E-Mail kommen oder ich muss meine Termine checken oder, oder, oder. Wenn ich aber ehrlich zu mir selbst bin, überlebt es mein Ego auch eine halbe Stunde in der Besprechung, ohne, dass ich wie ein Irrer alle 5 Sekunden das Smartphone entsperre, um zu checken, ob irgendwas „reingekommen“ ist.

Fazit: Fokussiert und erholt durch Disziplin

All diese Regeln führen dazu, dass ich meinem Gehirn sage: „Es ist alles in Ordnung, auch wenn ich ein paar Minuten oder Stunden nicht erreichbar oder up to date bin. Die Welt dreht sich weiter.“ Das wiederum hat in den letzten Wochen zu einer erheblichen Steigerung meiner Fähigkeit mich zu fokussieren und konzentrieren geführt und zu einem deutlich besseren Schlaf. Ich schlafe schneller ein, ich wache nachts weniger auf und ich bin morgens sehr viel erholter und wesentlich fitter.

Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen. Man kann im Leben nicht alles schwarz oder weiß sehen. Natürlich mache ich manchmal während einer Sitzung Notizen auf meinem Smartphone. Ich arbeite ja auch damit, aber das sind Ausnahmen. Natürlich nehme ich ab und zu mein Smartphone in die Hand, wenn ich mich mit Freunden treffen, aber dann erkläre ich mich und kündige es an: „Warte mal eben, ich muss nur kurz schauen, wann nachher unsere Bahn fährt“ oder „Ich möchte Dir mal eben ein Foto von letztem Wochenende zeigen“ oder „Sorry, dass ich kurz auf mein Handy schaue, meine Freundin wollte sich gleich noch melden, ob sie auch noch vorbeikommt“ – dann ist dem Gegenüber bewusst, was ich tu und keiner fühlt sich schlecht, weil man das Gefühl vermittelt bekommt, man sei ein langweiliger Gesprächspartner.

Manche können damit vielleicht besser umgehen als ich, andere erkennen sich vielleicht wieder und verstehen, wovon ich rede. So oder so: Über Feedback würde ich mich freuen, vielleicht hat der ein oder andere ja auch noch einen Tipp für mich!

Jens Schmitt

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